Anna Rottensteiner

Die Furche Booklet, Juni 2021

Der Limbus Verlag in Innsbruck präsentiert nicht nur in seiner Reihe „Limbus Lyrik“ exquisite Poesie deutschsprachiger Dichterinnen und Dichter, sondern gewährt auch in seinem regulären Programm außergewöhnlichen, bibliophil gestalteten Lyrik-Publikationen Raum. Im Frühjahr sind gleich zwei Bände erschienen, auf die es sich lohnt, einen genaueren Blick zu richten, zumal sie, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise, einen künstlerisch transdisziplinären Ansatz verfolgen.

In „Das zweite Gesicht“ setzt sich Erika Wimmer Mazohl mit den Skizzenbüchern des Bozner Künstlers Markus Vallazza (1936–2019) zu Dante Alighieris „Inferno“ auseinander und somit – vermittelt durch den Blick eines Künstlers, dessen Œuvre oft eine künstlerische Verbeugung vor den Werken von Schriftstellern und Philosophen ist –, auch mit jenem Dichter, der vor 700 Jahren gestorben ist und als der Begründer der italienischen Schriftsprache gilt.

Bei den Skizzen, die Vallazza als „Kopfgeburten“ oder „Psychogramme“ bezeichnete, hat jede Miniatur der klassisch markanten Profi lansicht von Dante ein Adjektiv als Titel – und eben diese Titel greift Wimmer Mazohl in ihrem Gedichtband auf. Da fi nden wir etwa visionär, künstlerisch, kartografi sch, romantisch, astral, transparent, tonangebend und viele andere: sowohl menschliche Eigenschaften in ihrer ganzen Bandbreite als auch Bezüge zur europäischen Kunstund Kulturgeschichte, auf jeden Fall ein Spiel mit Form und Inhalt.

Was sofort für den Gedichtband einnimmt, ist das dichtende und beobachtende lyrische Ich, das sich von Text zu Text verwandelt und metamorphisch wandelt und dabei genau so viele Gesichter, Stimmen und poetische Modi einzunehmen vermag, wie es die Adjektiva der Skizzen Vallazzas hergeben. Es fi ndet eine ganz eigene Perspektive, die, einmal streng in der Form, einmal in freien Versen fl iegend, „an der Nasenspitze vorbei“ ist, „seitenverkehrt“ – „unerwartet“ auf jeden Fall. Da sind zwar die Fratzen, Monster und Teufel, wie es sich für die Auseinandersetzung mit dem Inferno gehört, doch wird ihnen ganz meisterlich ein Schnippchen geschlagen.

Darin findet sich nun kein Gestus der Überheblichkeit, vielmehr lesen wir in der Vielfalt des Ausdrucks ein neugieriges, waches erlebendes Ich, das seinen Blick auf die Welt lenkt und dabei von den mikroskopisch kleinen, oft unsichtbaren Regungen bis in die astralen Weiten des Alls und der Physik zu sehen vermag. Und wie Dante Alighieri und Vallazza verschließt auch Wimmer Mazohl ihre Augen nicht vor den Krisen der jeweiligen Gegenwart und deren politischen Implikationen, Bösartigkeiten und dunklen Ungerechtigkeiten – und wie die beiden setzt sie ihr wesentlichen Menschen ein poetisches Denkmal (Dante schickte diese in die Hölle oder ins Paradies, je nachdem, Vallazza erschuf sich seinen eigenen „Parnass“), so dass wir sehr innige und durchaus intime poetische Porträts und Ansprachen lesen.

 

Dieses Ich ruft laut und ungeschönt seine Anklage hinaus über das, was es sieht in diesem Land.

 

Mal wehmütig, ironisch, schalkhaft oder sanft, dann wieder übermütig und ihr Wissen versprühend: Es ist eine Stimme zwischen panta rhei und Tandaradei, eine Troubadoura, die da zu den Leserinnen und Lesern spricht mit vielen verschiedenen Gesichtern, und die viel zu erzählen hat, nicht nur über die Hölle. Denn was ist das schon – die Hölle?

Joachim Leitner

Tiroler Tageszeitung, 11.5.2021

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DAS ZWEITE GESICHT
Cornelia Stahl ist in die Gedichte von Erika Wimmer Mazohl eingetaucht und entdeckte eine „sorgfältig konzipierte Arbeit“ .

Eine Rezension von Cornelia Stahl - BÖS Wien, Newsletter

Neun Skizzenbücher Markus Vallazzas bilden die Hintergrundfolie für Erika Wimmer Mazohls lyrische Notate. Feinsinnig „übersetzt“ sie seine Zeichnungen menschlicher Gesichter in eine eigene Sprache, unterteilt sie in Hölle I, II und III, denen sie jeweils Überschriften wie
visionär-libidinös-profetisch-erlöst. amen, atomar-äolisch-schwärmerisch-kubistisch sowie bandagiert-maskiert-punktiert-flatterhaft vorangestellt. Die Autorin beginnt mit einem Nichtgedicht:

 

„nichtgedicht“ [geprüft]
wenn an einem Tag wie diesen unser tun
auf dem Prüfstand steht

 

Wimmer Mazohl überprüft die Sinnhaftigkeit des Lebens, spiegelt Beobachtungen und Gedanken, erinnert mitunter an Peter Handkes „Versuch über den geglückten Tag“. Das Nichtgedicht appelliert an die Unterbrechung unserer Alltagsraserei, fordert dazu auf, unser bisheriges Tun einer Prüfung zu unterziehen.

Die Lyrikerin übernimmt Vallazzas (Charakter)Bezeichnungen menschlicher Gesichter: visionär, typographisch, romantisch, planerisch etc. und stellt sie titelgebend ihren Gedichten voran.

Vallazzas „Kopfgeburten“, im Buch mittig platziert, ging eine intensive Auseinandersetzung mit Dante Alighieris „Divinia Commedia“ voraus. Der Künstler selbst entdeckte Parallelen zur Gegenwart, identifizierte sich mit Dantes Gedanken: dem einsamen Weg Richtung Hölle, der Ankunft am Läuterungsberg und dem Erreichen des Paradieses als mögliches Ende eigener Lebenskrisen.

Auch Allgegenwärtiges wird bei Wimmer Mazohls lyrisch „übersetzt“:

 

mund nasen schutz (nasenschützer)
                                         für corona 2020

sind gnadenlos alle öffnungen
verriegelt mit schloss versiegelt
gebeutelt ich mensch im auweh
kein schreien / nur lispelbahö 

 

Im zweiten Teil ändert sich der sprachliche Duktus: Namen und Widmungen fließen ein: für markus vallazza, für meine mutter, für adel el sayed, für ingeborg bachmann. Die Autorin bricht bisherige, an Vallazzas Miniaturen ausgerichtete Ordnungen auf, zoomt ganz nah heran an das lyrische Ich.

 

Eine sorgfältig konzipierte Arbeit, ergänzt mit einem wunderbaren Nachwort von Günther Oberhollenzer.

Erika Wimmer Mazohl, geboren 1957 in Südtirol, schreibt Lyrik und Prosa, lebt in Innsbruck.

Ihr Lyrikband liest sich als Hommage an den Südtiroler Künstler Markus Vallazza (1936–2019). Das Ineinandergreifen von Vallazzas Skizzen und Wimmer Mazohls Gedichten beachtet das jeweils Genuine, sodass die Arbeit des Künstlers und der Autorin verschiedenfarbig leuchten.

 

Cornelia Stahl, Juli 2021