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Rezension Julius Handl, 04.04.2022 

Literaturhaus Wien: Wimmer_Mazohl_Wolfs_Tochter 

Man muss beim Schreiben schon wissen, was man tut, allerdings nicht zu hundert Prozent und nicht auf angespannte Weise, man sollte, wenn man schreibt, auch sein Unwissen kultivieren, aber denken muss man dabei unbedingt, ich finde, man sollte vornehmlich denken und das Schreiben geschehen lassen […].

Wissen was man tut, obwohl man Unwissen kultiviert. In diesem Spannungsfeld, das die ersten Zeilen von Wolfs Tochter abstecken, findet sich auch der Roman selbst. Die feinfühlige Herangehensweise, mit der sich Erika Wimmer Mazohl dem Leben von Erika Danneberg nähert, zeigt, dass er dort gut aufgehoben ist.

Das Wien der Nachkriegszeit ist in Wolfs Tochter der Lebensmittelpunkt von Erika Danneberg. Die Autorin lebt dort als verheiratete Frau mit Hermann Hakel, einem wichtigen Förderer der österreichischen Literaturszene. Die Beziehung wird zur treibenden Kraft der Erzählung, da Mazohl sich im Roman durch verschiedene Episoden der gemeinsamen Zeit bewegt. Dannebergs Leben ist den Bedürfnissen des Gatten angepasst und öffnet Räume der Sehnsucht. Die Selbstbehauptung der Autorin neben Hakel, der so intelligent und erfahren scheint, wird zum harten Kampf. Hinzu kommt der unerfüllte Kinderwunsch, den Erika mit sich herumträgt, den der Gatte ihr nicht erfüllen will, oder nicht erfüllen kann. Immer wieder versucht Wolfs Tochter Dannebergs Individualität aus dieser Beziehung herauszuschälen und ihr einen eigenen Platz in Abgrenzung zum Gatten anzubieten, ohne ihr einen zuzuweisen. Das liest sich zwar mitunter als Abrechnung mit Hakel, ist jedoch, in einem weiteren Kontext betrachtet, auch die Reibung an einem patriarchal strukturierten Literaturbetrieb, dessen langer Arm bis in die Gegenwart reicht. Die sorgfältig kultivierte Aura von Figuren wie Hakel oder dessen Konkurrenten Hans Weigel, deren Empfehlung literarische Karrieren starten oder enden lassen kann, wirkt sich selbstverständlich auch auf die private Sphäre aus. Episoden, in denen Hakel seinen Narzissmus auf Kosten seiner Frau auslebt, oder die verschiedenen Affären beider Partner schaffen eine Distanz, unter der vor allem Erika leidet.

Das wiederum weiß ich von H., der sich wie üblich in böser Manier darüber amüsiert hat, dass Erika, ausgerechnet Erika, Psychoanalytikerin zu werden gedenke, wo sie doch mit sich selbst nicht ins Reine gekommen sei. Er hat sie ausgelacht. Dieser ach so gescheite Mann hat wieder einmal das Logische nicht kapiert, nämlich dass genau jene Leute, die jahrelang bei sich selbst suchen müssen, zu kompetentesten Ratgebern für andere werden.

Die Konflikte zwischen Hermann und Erika rücken den Fokus stärker auf ihre Person, die unablässig an sich selbst für die gemeinsame Beziehung arbeitet. Diese Arbeit ist außerdem Reflexion der damaligen Zeit: Hakel kehrte als einer der ersten jüdischen Intellektuellen nach Wien zurück, für ihn möchte Erika konvertieren. Sehr fein zeichnet Mazohl diese Dynamik zwischen stückweiter Selbstaufgabe, Abhängigkeit und Liebesbeziehung, unter der jedoch eine sehr eigenständige und leidenschaftliche Person zum Vorschein kommt. Erikas antifaschistische Überzeugungen kann sie mit Hermann nicht teilen, ihre Positionierung gegen den Antisemitismus und die intensive Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Vater macht sie, als Kind einer Täterfamilie, weitgehend mit sich selbst aus. Besonders schön sind die Passagen über ihre Faszination für "das Dunkle" und ihre Rekonstruktion von Kindheit in Kurzgeschichten, wo Kräfte zum Vorschein kommen, die mit Hakel nichts zu tun haben.

Erikas dunkle Partien, warum sage ich Partien, das klingt merkwürdig, Erikas Schatten sind gewissermaßen konzeptuell, eben Resultat eines Nachdenkens, wohl auch eines Beobachtens, aber weniger eines Beobachtens von Erfahrungsmustern die Innenhaut entlang als des Feststellens und Sicherns äußerer Vorgänge, die zu Schlussfolgerungen führen. Wobei Folgerungen bis zu einem gewissen Grad immer bloß Spekulationen sind.

Die Annäherung an die Person Erika Danneberg vollzieht der Roman stark über die gewählte Form. Obwohl die Autorin, Psychoanalytikerin und Friedensaktivistin jeden der fünf Teile des Romans bestimmt, ist sie als Figur doch meist nicht präsent. Erika Wimmer Mazohl wählt eine multiperspektivische Erzählweise, mit der sie die historische Person umkreist, ohne sie dabei festzusetzen. Wolfs Tochter bleibt ein Annäherungsversuch, und ergibt, wie bei einer Schraffierung mit Kohle, einen sehr schönen literarischen Abdruck. Durch geschickt eingesetzte Montagetechniken kommt Danneberg selbst zu Wort. Auszüge aus ihrem Tagebuch, das Hakel zu Lebzeiten offenbar selbst interessiert gelesen hat, setzen spannende intertextuelle Anknüpfungspunkte. So wird die 2007 verstorbene Erika Danneberg zwar literarisiert, aber nicht durchwegs psychologisiert: Den Leser*innen werden tiefe, leuchtende Einblicke gewährt, jedoch bleibt die Person ephemer und eigenständig.

Ich spinne während du schläfst, deinen Faden weiter, stelle mir vor, wie die Welt sich mehr und mehr zurückzieht aus dir, wie deine Vergangenheit sich verdünnt und deine Zukunft Gefahr läuft, von einem einzigen Menschen beherrscht zu werden. Hast du jemals sprechen gelernt - in deiner Sprache? Wirst du das besitzanzeigende Fürwort jemals unterstreichen können?

Die klare Sprache in Wolfs Tochter lenkt die Aufmerksamkeit auf die Biografie und komplementiert die Tagebucheinträge, wirkt aber in ihrer Direktheit manchmal etwas aufdringlich. Die fünf Passagen klingen in unterschiedlichen Tonlagen mitunter etwas bemüht. Ein lockerer Plauderton wird aufrechterhalten, der streckenweise an die psychoanalytische freie Assoziation erinnert, sich dabei aber immer wieder überschlägt. Obwohl dies dem Roman Intensität nimmt und einzelne Passagen spürbar dämpft, machen die unkommentierten Perspektivenwechsel Spaß und ergeben als Umkreisungen einer wenig bekannten Biografie einen interessanten Roman. Mit ihm wird Erika Danneberg zum hundertsten Geburtstag ein schönes Denkmal gesetzt, denn er löst ein, was er am Anfang verspricht: Er vermittelt einen Einblick in das Leben einer Frau, die Stärke aus ihren Zweifeln schöpft, ohne sich dabei selbst zu sicher zu sein.

Rezension Ruth Selhofer

LiLIT in literatur.tirol  Rezensionen 2022 - Literaturtirol

(Ausschnitte)

 

Ein Leben in fünf Abschnitten – fünf Erzählstimmen über einen Lebensabschnitt 

 

Wimmer Mazohl fokussiert sich in Wolfs Tochter auf einen Lebensabschnitt Erika Dannebergs: Es ist die etwa dreißigjährige Erika, die im Mittelpunkt des Romans steht. Obwohl jung an Jahren, hat Danneberg schon viel erlebt: die Entbehrungen und Gräuel des Zweiten Weltkriegs, den sie zwar physisch unbeschadet, aber seelisch verwundet überstanden hat, die Lossagung vom nationalsozialistischen Vater und die Zuwendung zum kommunistischen Widerstand und zum Judentum, Probleme in Studium und Beruf durch ihre antifaschistische Haltung, erste literarische Veröffentlichungen, darauf folgende Stagnation, verursacht durch die Nachwirkung des Kriegstraumas, die Mühen des nachkriegszeitlichen Alltags, die lähmende Ehe mit dem Schriftsteller Hermann Hakel, den unerfüllten Kinderwunsch. Hakel wiederum hatte eben erst nach Jahren der Gefangenschaft in Italien und des Exils dort und in Palästina in Österreich Fuß gefasst, war Vorstandsmitglied des Österreichischen PEN-Zentrums (1948-1950) und Herausgeber der literarischen Zeitschrift Lynkeus (1948-1951, 1979-1986), ein wichtiges Publikationsorgan für junge AutorInnen wie zum Beispiel Ingeborg Bachmann, Jeannie Ebner, Gerhard Fritsch u.a.

Fulminant und faszinierend – der „Nekrolog“ einer Sterbenden über das Schreiben, den Literaturbetrieb und seine AkteurInnen

Den Anfang macht die fiktive Marlen Haushofer, die sterbenskrank auf den Tod wartet und zwischen den Krankenbesuchen, darunter Erika Danneberg, ihren Gedanken über die Bedeutung des Schreibens, das Autorinnendasein und die Konflikte, die der Wechsel in verschiedene Rollen (Schriftstellerin, Ehefrau, Mutter) mit sich bringt, sowie die Tücken des männlich dominierten Literaturbetriebs freien Lauf lässt.
Dies geschieht auf intellektuelle, analytische, offene und kühle Weise in Form eines inneren Monologs, wobei sich das Prinzip des assoziativen Aneinanderreihens von Gedanken sprachlich in langen Satzgefügen widerspiegelt. Die Stimmigkeit von gewählter Darstellungsform, Inhalt und Sprache überzeugt. Darüber hinaus hat dieser Erzählstrang noch einen ganz besonderen Reiz: Wimmer Mazohl gibt nämlich gar nicht selbst die Identität der Erzählstimme preis, sie überlässt es den LeserInnen, zu rätseln, wer die Ich-Erzählerin sein könnte. Damit erzeugt sie Spannung, denn nur aus den eingestreuten biographischen Daten und den Ausführungen der Ich-Erzählerin über das Schreiben lässt sich immer sicherer erschließen, dass es sich um eine Fiktionalisierung von Marlen Haushofer handeln muss, mit der Danneberg befreundet war. 
Wimmer Mazohl entwirft also zwei Autorinnenporträts in einem Porträt. Deren Verzahnung erreicht die Autorin, indem sie die fiktive Haushofer sich an Danneberg spiegeln lässt und sich jene bei diesem Prozess immer als das Gegenteil von Danneberg begreift. So erschließt die Ich-Erzählerin die Persönlichkeit der Kollegin, aber auch die eigene. Der Eindruck, den die fiktive Haushofer von der Gegensätzlichkeit der Charaktere und Ansprüche erweckt, trügt allerdings, denn es gibt sehr wohl Übereinstimmungen zwischen den beiden Autorinnen, so wenn es um die Funktion von Sprache geht. Bei Marlen Haushofer gilt das Prinzip, „ich denke und es schreibt“ (Wimmer, S. 5), was bedeutet, dass sich die Autorin Geschichten nicht ausdenken und sie dann niederschreiben kann, sondern sie werde „schreibend und denkend […] in eine Richtung gedrängt, hin zu einem Ort, an dem eine Geschichte auf mich wartet“ (Wimmer, S. 6). 
Die Leitmotive Schuld und Sühne aus der „Eigensicht“: 
Wimmer Mazohl greift die Praxis Dannebergs literarisch auf, indem sie sie Tagebuch schreiben lässt, als Darstellungsform erlebte Rede bzw. inneren Monolog wählt und in die fiktionale Rede Originalzitate aus Dannebergs Tagebüchern flicht. Damit erreicht ihr Text einen hohen Grad an Authentizität und Plastizität. Gleichzeitig löst er beim Lesen durch die schonungslose Innensicht Betroffenheit aus, wenn aus Erikas Mund nüchterne biographische Fakten, wie die Abwendung vom Nazivater, die miterlebte Deportation jüdischer Freunde, die unglückliche Ehe, der unerfüllte Kinderwunsch etc., zu persönlichen Erfahrungen und erdrückenden Gefühlen bzw. emotionalen Zuständen wie Schuld, Einsamkeit, Traurigkeit werden. Stimmig dazu verortet Wimmer Mazohl ihre Figur Erika in einer „winterkantig[en]“ Landschaft (Wimmer, S. 57), auf die sie beim Schreiben blickt oder durch die sie spaziert. Ohne Frage entspricht diese Außenwelt – schön, aber auch bizarr und kahl – Erikas innerer Erstarrtheit.


Im Schlaf, aber auch in Tagträumen wird sie von Wölfen gejagt, einer dieser Wölfe ist ihr Vater, bereit, sein Opfer zu reißen. Hier, in Kapitel zwei, findet sich der Schlüssel zum Titel des Romans, der auf eine doppelte Schuld anspielt: Einmal hat Erika Schuldgefühle, weil sie mit ihrem Vater aufgrund seiner Nazigesinnung gebrochen hat, mit diesem Bruch aber das Gebot, die Eltern zu lieben, verletzt hat. Schuldig fühlt sie sich aber zum Zweiten vor allem und trotz dieses Schritts, der eigenen antifaschistischen Haltung, dem Naheverhältnis zum kommunistischen Widerstand und der Konversion zum Judentum wegen des Holocausts. Sie ist „Wolfs Tochter“, gehört zum Tätervolk und nimmt das Kreuz der Kollektivschuld auf sich. Schuld ist ein Leitmotiv im Leben der fiktiven wie echten Danneberg, wie Wimmer Mazohl in ihrem Roman und besonders deutlich in Kapitel zwei, einem Kernkapitel, das nicht zufällig denselben Titel wie der Roman trägt, herausarbeitet.

 

Das Motiv der Gewalt aus der weiblichen Außenperspektive

Im vierten Kapitel hat die fiktive Archivarin das Wort, die als Nachgeborene den Nachlass Erika Dannebergs aufarbeitet. Sie hält Zwiesprache mit Danneberg im vertraulichen Du, doch ist dies kein Gespräch auf Augenhöhe, sondern eine einseitige Abrechnung mit einer durch ihr Ableben verstummten Gesprächspartnerin. Die ungehaltene Kritik, die bei der Figur Haushofer schon anklingt, wenn sie meint: „Nicht der Mann blockiert ihre Kreativität, sie selbst ist es, dafür habe ich Indizien, aber längst keine Geduld mehr“ (Wimmer, S. 13), kulminiert hier in eine harte Zurechtweisung: „Klage nicht, Schwester, dich hat es nicht so hart getroffen wie andere Frauen“ (Wimmer, S. 115).

„Du wurdest nicht erschossen und nicht erschlagen, du wurdest nicht versohlt. Du wurdest gedemütigt, beiseite geschoben oder nicht beachtet. Du wurdest von deinem Ehemann herabgesetzt, das ist wahr. Aber ist das nicht eigentlich harmlos?“ (Wimmer, S. 119 f.)

Besonders übel nimmt sie es Danneberg, dass diese sich freiwillig unterjochen habe lassen. Sie habe sich zur Sekretärin, Haushälterin und Krankenpflegerin ihres Mannes degradieren und die eigene literarische Arbeit herabwürdigen lassen, seine Affären geduldet, die Schuld für alle Eheschwierigkeiten übernommen. „Du“, behauptet die Figur der Archivarin, „hast die Katastrophe deiner Ehe mitverursacht.“ (Wimmer, S. 120) Damit rüttelt sie am Opferstatus Dannebergs, den sie ihr zuschreibt, redet ihn klein, schiebt dem Opfer die Schuld zu und entlastet den Täter. Der Ton der Anklage ist emotional, vorwurfsvoll, gelegentlich höhnisch, dann wieder überheblich, so etwa wenn die Ich-Erzählerin behauptet: „Du bist ein Kind deiner Zeit, man hat dir Bravsein beigebracht“ (Wimmer, S. 141), weswegen und mangels Vorbildern sich Erika gar nicht gegen den Ehemann zur Wehr habe setzen können, um im nächsten Augenblick festzustellen, dass Danneberg alles falsch gemacht habe. Sie hätte zornig und nicht traurig sein, nicht die frauenverachtende Haltung Hakels in Bezug auf ihre Sexualität verinnerlichen und vor allem nach der gescheiterten ersten Ehe keine weitere Bindung mehr eingehen sollen, um die Fehler der ersten Beziehung nicht zu wiederholen.
 

Das Unrecht, das die Archivarin an Danneberg begeht, ist ihr bewusst. Als Wissenschaftlerin müsse sie objektiv bleiben, dürfte nicht in Wut geraten ob Dannebergs „absolute[r] Hingabe“, ihrer „mitunter fast hündische[n] Unterwürfigkeit“ (Wimmer, S. 134), ihrer Selbsterniedrigung, doch aufgrund ihres eigenen Traumas, zugefügt von einem gewalttätigen Vater, gelinge es ihr nicht, die gebotene Distanz zu wahren. Weder diese Erklärung noch der Versuch im Anschluss, die Anklage gegen Danneberg etwas zu relativieren mit dem Hinweis auf Hakels schwierigen Charakter und der Anerkennung von Erikas späterer erfolgreicher Gegenwehr – sie trennt sich von Hakel, unterzieht sich einer Psychoanalyse, um die eigenen Traumata aufzuarbeiten, und lässt sich selbst zur Psychoanalytikerin ausbilden –, lindern die Wirkung dieses Kapitels: Es ist schlicht und einfach verstörend. Wenn Frauen nicht Frauen helfen, wenn es keine Solidarität unter Gewaltopfern gibt, von wem können Frauen dann Hilfe und Verständnis im Fall von Gewalt erwarten? Wird Gewalt toleriert und kleingeredet, wird sie im Denken der Täter wie Opfer verinnerlicht und ihr Weiterbestand bleibt gesichert. Dabei sollte es längst aufgehört haben, dass Gewalt erst ein gewisses Ausmaß erreichen muss, um als solche – im Übrigen auch von den Opfern – erkannt und akzeptiert zu werden. In der Umkehrung ist zu fragen, ob Femizide nicht per se die Eskalation einer Gewaltserie sind. Nur weil die Vorgeschichte eines Femizids der Öffentlichkeit nicht immer bekannt wird, bedeutet das nicht, dass Gewalt nicht vorhanden war, zumal nur physische sichtbar ist, psychische dagegen wohl meist unsichtbar bleibt. Diese Form von Gewalt ist subtiler, aber dadurch besonders perfid und verursacht ebenso Leid. Diese Überlegung leitet schon zur nächsten Frage über, nämlich: Darf und kann Leid denn wirklich auf Kosten der Leidtragenden skaliert werden? Wird derjenige, der von außen befindet, wie stark jemand leidet, und das Leid durch Vergleich mit dem Leid anderer geringredet, in gewissem Maß nicht selbst zum Täter? Im Fall der Archivarin ist es sicher so: Durch Ton, Inhalt und Form ist ihre Abrechnung ein Gewaltakt, ebenso wie es das Eindringen in Dannebergs Privatleben und das Verwenden privater Aufzeichnungen gegen sie ist.


Am Schluss bleibt die Frage nach der Intention Wimmer Mazohls

 

Will sie verhindern, dass die LeserInnen nach den ersten drei Kapiteln mit Danneberg sympathisieren und sich gar auf ihre Seite stellen? Eröffnet sie geplagten ArchivarInnen ein Ventil für die Ernüchterung oder Enttäuschung, die sich einstellt, wenn die Archivarbeit zu Tage fördert, dass die Person privat nicht dem Ideal entspricht, das man von der öffentlichen Person durch ihre literarischen Texte gewonnen hat? Oder redet Wimmer Mazohl in erster Linie den Feministinnen das Wort, für die Dannebergs Haltung in ihrer Ehe, in der sie als Frau nur gab, ohne zu nehmen, und Hakel nur nahm, ohne zu geben, ein rotes Tuch sein muss? Nach Riccabona wollte sich die echte Danneberg nie als Feministin begreifen (vgl. Riccabona, S. 76), doch auch ohne einen feministischen Standpunkt einzunehmen, bleibt natürlich die Tatsache, dass in Dannebergs Ehe das Prinzip der Gleichberechtigung massiv verletzt wurde.
Mit Sicherheit ist die Abrechnung der fiktiven Archivarin ein Beitrag zu einem hochaktuellen Thema, das Gewalt an Frauen auch in Österreich ist, wenn man bedenkt, dass das zweite Pandemiejahr hierzulande einen Negativrekord an Femiziden brachte. Wie aus den Überlegungen oben hervorgeht, ist Provokation jedoch ein riskantes Mittel, um in die Diskussion einzugreifen, denn falsch verstanden oder ignorant gelesen, hilft sie Missstände zu zementieren und ist damit brandgefährlich.

Ein versöhnlicher Ausklang? – Die männliche Perspektive im Vergleich

 

Den versöhnlichen Abschluss in Hinblick auf Danneberg, nicht aber auf Hakel macht als fünfte und einzig männliche Erzählstimme ein Alter Ego von Hermann Hakel. Der inzwischen Hundertjährige, der sich in der Jetztzeit an die Vergangenheit erinnert, enthüllt selbst seine Identität mit der Aussage: „ich durfte nur dem Schreibenden und Sprechenden, dem Literaten als Schatten dienen“ (Wimmer, S. 156).
Dieser Ich-Erzähler repräsentiert jenen Teil der Persönlichkeit Hakels, die Erika Wertschätzung entgegenbrachte. Es sei ihr Intellekt gewesen, der Hakel angezogen habe, doch habe er nicht vertragen, dass Erika ihm auf geistiger Ebene ebenbürtig gewesen sei. Dies ist einerseits eine Erklärung dafür, warum die Ehe zwischen Hakel und Danneberg überhaupt zustande kam, aber auch später scheiterte.

Andererseits wird zumindest Danneberg in gewissem Sinn rehabilitiert, während Hakel in dieser ausführlichsten und direktesten Darstellungen seines Charakters kein gutes Bild abgibt. Ziel ist jedoch nicht Hakels Abwertung, sondern das Aufspüren der psychologischen Hintergründe für sein Verhalten. Wie die Archivarin ist auch das Alter Ego der Ansicht, dass Hakel die ihm ob seines Judentums widerfahrenen Gräuel während des Kriegs nie verwinden habe können. Allerdings sieht die Archivarin in Hakel nicht nur ein bloßes Opfer, sondern eines, das den Spieß umgedreht hat und selbst zum Täter geworden ist.