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Wider den freien Fall
 
Klaus Dibiasi und Gerhard Kofler treffen sich in der Luft und sprechen zwei Sprachen____

 
Bei den olympischen Sommerspielen in Tokyo 1964 hat er Silber geholt, vier Jahre später kehrt er mit Gold und Silber aus Mexiko-Stadt zurück. Spätestens seit diesem Zeitpunkt weiß man, dass der Bozner Klaus Dibiasi ein Ausnahme-Athlet im Wasserspringen ist. In München 1972 und in Montreal 1976 wird er wieder Olympiasieger. Auch doppelter Weltmeister ist er, außerdem mehrfacher Europameister und dreizehnfacher Italienmeister.  Etwa zur selben Zeit schreibt der junge Lyriker Gerhard Kofler in sein Notizbuch (das Gedicht ist nicht genau datiert, doch der Eintrag geht vermutlich auf 1972 zurück): „Siegerehrung / vorübergehend an den olympischen bildschirmen / hören wir die hymne / [sehen] wir die fahne der Sowjetunion / genauer hinsehend erkennen wir: / hammer & sichel sind noch drauf / wir sind beruhigt.“ Seit den späten 1960ern schreibt Kofler Gedichte, dass er sich u.a. mit der politischen Lyrik des Chilenen Pablo Neruda, mit Bert Brecht oder Ingeborg Bachmann beschäftigt, verweist auf seine Orientierung: „und wir stehen auf in versen“ heißt es in dem Gedicht „Pablo Neruda“, das zwischen 1968 und 1970 entstanden ist.1   Die frühen 1970er Jahre sind die Blütezeit in der Geschichte der Bozner Wasserspringer, was auf Klaus Dibiasis Erfolgen gründet. Immer mehr junge Südtiroler Talente – aus der deutschen und italienischen Volksgruppe – sehen im Springerclub Bozen eine sportliche Zukunft. Ich trainiere seit einigen Jahren und gewinne ein paar Jugendbewerbe, doch schon bald zeigen sich meine Grenzen. Dibiasis Königsdisziplin, das Springen vom Zehn-Meter-Turm, bleibt mir verschlossen, denn die Höhe ängstigt mich. Dabei schäme ich mich, denn meine etwas ältere Kollegin Carmen Casteiner hat den Turm längst erobert.  Drei Sekunden Konzentration, dann Anlauf nehmen, vier oder fünf exakt kalkulierte Schritte nach vorne gehen, vor dem Brettende kurz retardieren, in die Knie gehen und mit dem Brett absinken, hochschnellen, dann nur noch Luft um den Körper, eineinhalb Drehung in Hocke, eine einfache Schraube, ein Hechtsprung – in Windeseile ausgeführt. Beim Springen vom Ein-Meter-Brett muss sich der Körper blitzschnell bewegen, denn das Wasser ist nah, mit dem Kopf und gestreckten Armen dort aufkommen ein Gebot. Beim Drei-MeterBrett habe ich etwas mehr Zeit für denselben Bewegungsablauf, hier muss ich mit der Geschwindigkeit einer Drehung haushalten und genau Maß nehmen, um am Ende genau richtig an der Wasseroberfläche anzukommen. Jeden Tag aufs Neue übe ich größtmögliche Körperkontrolle für Bruchteile von Sekunden, übe eine Mischung aus federnder Leichtigkeit und höchster Kontraktion. Es sähe so aus wie ein ästhetischer Schwebezustand zwischen
Luft und Wasser, es sei körpergewordene Poesie, höre ich. In Wahrheit drehst du dich als Wasserspringerin durch die Luft wie eine angetriebene Schraube.  Faccio parte della squadra nazionale giovanile italiana, ogni estate si fanno delle gare. Ci incontriamo a Mantova, Cremona, Roma, in alberghi fuori città, in piscine pulite e preparate proprio per noi. Ormai ci conosciamo tutti da qualche annetto, si sa chi è bravissimo e bravissima, chi non lo è. Io ho vinto qualche gara, ma non mi sento di essere un talento eccezionale e infatti non lo sono. Sono solo una ragazza che fa dello sport tra i nove e i quindici anni. Nel momento in cui la scuola superiore a Bolzano (e i ragazzi) mi interesseranno più dello sport, smetterò di allenarmi. Carmen Casteiner continua, partecipa pure alle Olimpiadi, diventa la moglie di Giorgio Cagnotto (un’altro tuffatore ricco di successi) e la madre di Tania Cagnotto, la più grande campionessa di tuffi della storia italiana. Una (semi-)bolzanina anche lei.  Ich übe, mit meinen italienischen Springerkolleginnen in Mantua, Cremona und Rom einigermaßen fehlerfrei Italienisch zu sprechen, die Römer und Mantovani nennen uns Südtiroler hinter vorgehaltener Hand „crucchi“, doch sie nehmen uns sehr ernst (schließlich ist auch Dibiasi ein „crucco“). Während Dibiasi im Lido Bozen auf den Turm steigt, um unter Anweisungen seines Vaters Karl den nächsten Sprung vorzubereiten, schreibt der Dichter Gerhard Kofler erste italienische Texte. Für den Brixner, der deutsch-italienisch aufgewachsen ist, steht die zweisprachige Dichtung schon bald im Zentrum seiner Poetik. Es ist dies vielleicht nicht nur, aber jedenfalls ein politischer Akt. Auch andere Südtiroler Autoren seiner Generation, die sich zur kritischen Linken zählen, etwa N.C. Kaser und Joseph Zoderer, setzen das Italienische ein und geben damit ein Statement gegen die konservative Volkstumspolitik im Land ab.  Oft schaue ich Klaus Dibiasi vom Beckenrand zu, seine doppelten und dreifachen Drehungen spulen in maximaler Geschwindigkeit vor meinen Augen ab. In meiner Imagination kann ich die Bewegungen in Zeitlupe sehen, ich kann sie als schwebend empfinden, als zweckfrei geschwungen, kunstvoll gefaltet, geklappt oder gedreht. Wenn Dibiasi sich vom Brett in die Luft erhebt, schöpft er beides ganz aus, die Kraft des Bretts und die des Körpers. Sowohl im Steigen als auch im Fallen ist höchste Präzision gefordert und wenn er schließlich kerzengerade auf das Wasser trifft, spritzt es kaum.  Auch in der Poesie wird kein Lärm erzeugt, es wird etwas auf den Punkt gebracht. Gerhard  Koflers Gedichte gehen oft von kleinen alltäglichen Dingen und Beobachtungen aus. Doch dann schnellt die Sprache in imaginative Höhen, sie erhebt sich über die Materie, wird Poesie. In „Blues vom Regen“ etwa (datiert 1977/78): „dieser regen ohne körper, der herabrinnt / an einer grauen haut entfernung.“2 In einem späten Gedicht schreibt Kofler resümierend: „l’eterno / d’ogni / momento / si meraviglia“ // „das ewige / wundert sich / über jeden / augenblick“.3   
 Ob mit dem Körper oder der Sprache: Der Schwerkraft als grundlegendem Naturprinzip gestaltend gegenüber zu treten und Raum zu schaffen für eine Bewegung, die es auf festem Boden nicht gäbe, ist Poesie im weitesten Sinn. Wer in der Dichtung Grenzen überschreitet, auch sprachliche, der bewegt. Bewegt haben sie, die Südtiroler Dichter, die das Italienische ins Deutsche mischten: Sie regten auf und riefen heftigen Widerspruch bei jenen politischen Kräften hervor, die auf saubere Trennung der Volksgruppen pochten.   Wenn ich zurückdenke, so sind es gerade die Jahre, in denen ich als Kunstspringerin Leistungssport betrieb, die mich sozial geprägt haben. Ich habe in dieser Zeit wichtige Kompetenzen für mein Leben erworben, habe etwa in diesem Ambiente gut Italienisch gelernt, die Grenzen Südtirols überwunden und ein Stück Weltläufigkeit geübt. Die Identität einer Italienerin deutscher Muttersprache anzunehmen, ist mir leicht gefallen, und ich habe jenes wunderbare Fremdsein schätzen gelernt, das mich noch heute begleitet, wenn ich irgendwo auf der Welt und unter fremden Sprachen unterwegs bin. Enge Grenzen ängstigen mich, sie berühren mich peinlich, wenn ich sie bei anderen ausmache.   Klaus Dibiasi (geb. 1947) lebt seit langem als geehrter Sportler in Rom, auch als Trainer und Sportfunktionär hat er Wesentliches für Italien geleistet. Gerhard Kofler (19492005) ist, obwohl leider zu früh verstorben, bis heute einer der bedeutendsten Dichter Südtirols. Mit seinen luftig gewebten Gedichten, verfasst in zwei Sprachen, hat er bisher nicht erreichte Maßstäbe gesetzt.  
                                                         

 1 Das Gedicht entstammt der Sammlung „Umwege. Gedichte 1968-1980“, von Kofler später zusammengestellt, doch nie publiziert. Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck, NL Gerhard Kofler, Sign. 2484-4.  2 Ebenda. 3 Letzter Vers aus Gerhard Koflers Gedicht „Universelle Philopoesie“. In: Ders.: Das Universum der kostbaren Minuten/L’universo dei minuti preziosi. Hg. v. Furio Brugnolo & Hans Drumbl. Innsbruck: Haymon 2013, S. 73.

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