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Auch eine Spezialistin für Etrusker und Nabatäer kann gnadenlos mit der Gegenwart und ihren Herausforderungen konfrontiert werden …

… das muss die Archäologin Ariane in aller Konsequenz erfahren. Ihr Mann Vittorio schreibt als linksliberaler Journalist gegen Korruption und Gewalt in Italien an, aber erst als ihre Tochter Katja in ein Attentat verwickelt ist, bricht die hässliche Politik über die Familie herein. Katja reist nach Indien und verschwindet dort – Ariane folgt ihr bis nach Nepal und mitten hinein in ihre eigene Vergangenheit. In Mustang, einer abgelegenen Bergregion, hat sie sich einst in eine leidenschaftliche Affäre mit ihrem Professor gestürzt. Kein Stein bleibt auf dem anderen …


Erika Wimmer Mazohl erzählt mit wunderbarer Detailgenauigkeit und Liebe zu ihren Figuren eine vielfältige Geschichte um Mutter und Tochter, Mann und Frau, Gewalt und Frieden, Kultur und Krieg, Fremdheit und Zuhause und zeigt in farbenprächtigen, lebendigen Bildern die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen wie auch die Gefährdung von Kulturschätzen, wenn sie in Italien, Indien oder Nepal zwischen die Fronten geraten.
 

 

Mit Merle Rüdisser im Interview:

​Liebe Erika, seit wann beschäftigt dich der Roman schon?

 

Seit einigen Jahren. Zwischendurch musste er aus Zeitgründen liegen bleiben, doch gedanklich und recherchierend habe ich die Themen laufend weiterentwickelt.

 

 

Welche der Schauplätze hast du selbst besucht? In Italien wird dir Rom ebenso vertraut sein wie Sardinien, aber wie ist es mit Indien und Nepal?

 

Ich habe alle Schauplätze besucht, das gehörte für mich zur Recherche. Ich hatte das Glück, Indien mit Einheimischen zu bereisen und durfte mich dort in einem privaten Umfeld aufhalten. Indien, die größte Demokratie der Erde, ist ja eigentlich ein ganzer Kontinent und kaum zu überblicken. Der Roman spielt in Karnataka an der Küste, aber auch im Landesinneren, wo Exiltibeter in großer Armut, doch immerhin geschützt vom indischen Staat leben. In Mustang, Nepal, war ich mit dem seit über 20 Jahren dort tätigen italienischen Fresken-Restaurator Luigi Fieni unterwegs, einem wahren Experten zum Thema also. Ich hatte lange Zeit übers Netz seine Arbeit verfolgt, dann hat er plötzlich ein Reiseangebot ausgeschrieben und Interessierte eingeladen, mit ihm in dieses ehemals tibetische Gebiet zu fahren, besser gesagt zu wandern und zu reiten. Es gibt eine Schotterpiste bis zur Hauptstadt Lo Manthang, doch den Hinweg über die Berge und Dörfer, zu Höhlen und Klöstern, hat unsere kleine Gruppe zu Fuß und zu Pferd bewältigt. Ich verstehe jetzt etwas von dieser Kultur  und begreife auch besser, in welch furchtbarer Weise die Tibeter im Zuge der sogenannten Kulturrevolution ab 1966 von den Chinesen vertrieben wurden. Das waren auch Flüchtlinge. Bis heute nimmt die Welt aus politisch-wirtschaftlichem Eigennutz kaum Notiz von diesem Unrecht.

 

 

Wie stehst du zu deinen Figuren? Du beschreibst aus Sicht der einzelnen Figur, lässt sie genau beschriebene Wege gehen, essen und trinken, dass man beim Lesen buchstäblich dabeisitzt, schilderst ihre Eindrücke und Gedanken so bunt und mit viel Emotion – fällt dir der Abschied schwer?

 

Ich habe im Prozess des Schreibens tatsächlich mit den Figuren gelebt. Mit Katja, der sensiblen und begabten jungen Frau auf der Suche nach den eigenen Wurzeln – sie ist die Löwin auf einem Bein, die den Vater vermisst, doch am Ende ihre Balance findet. Arianes Liebe für die uralten Kulturschätze teile ich, als Familienmensch ist sie stark, doch ihrer Tochter Katja gegenüber zweifelt und strauchelt sie manchmal. Darin ist sie sehr menschlich. Randfiguren wie Arianes Eltern und der unter einer Lawine gestorbene Bruder Gregor spielen eine größere Rolle als man meinen möchte, sie bestimmen Arianes Leben mit. Hofstätter ist ein faszinierender Mann und zugleich ein Schuft, für den Roman ist entscheidend, dass er weit über seine Anwesenheit hinaus das Leben von Mutter und Tochter prägt. Solche Konstellationen finde ich spannend. Vittorio (privat stellt er das Glück der beiden Frauen dar)  ist ein Repräsentant jener italienischen Linksintellektuellen, die seit Berlusconi und Conte/Salvini kaum noch in Erscheinung treten, obwohl sie viel zu sagen hätten. Dass solche Leute verschwinden, ist eine Katastrophe für das Land. Dieses Faktum steht für mich am Schluss des Romans.

 

 

Wie hast du die Erzählperspektive gewählt? Es scheint, du möchtest allen Figuren gerecht werden und eine Stimme geben – Ariane, Katja, Vittorio, auch Hofstätter. Wo stehst du als Autorin zwischen deinen Gestalten?

 

Ich versuche eine Figur von innen heraus zu verstehen, egal ob ich sie positiv oder negativ zeichne. Als Autorin vermittle ich manchmal zwischen den Figuren, aber oft ist es einfach realitätsnah, einen Konflikt und seine Folgen in der ganzen Härte durchzuziehen.

 

 

Historisch spannst du ja einen sehr großen Bogen – von den Etruskern bis zu gegenwärtigsten Problemen um Extremismus und die sogenannte Flüchtlingskrise. Mir drängt sich da die Frage auf: Kannst du in der Geschichte der Menschheit eine Entwicklung feststellen? Verändert sich etwas zum Besseren?

 

Gerade wenn man sich mit antiken Hochkulturen beschäftigt, kann man den Eindruck gewinnen, dass die Menschheit sich zwar technisch entwickelt, aber sonst nicht sehr viel weitergebracht hat. Dass wir immer noch Kriege führen, ist ein Indiz dafür. Gleichzeitig können wir von sogenannten Naturvölkern lernen, das sieht man aktuell im Amazonasgebiet. Aber ja, in unseren Breiten hat sich vieles zum Besseren entwickelt, besonders seit der Aufklärung – Grundrechte, Menschenrechte, die Trennung von Staat und Religion oder das rechtsstaatliche Prinzip sind errungene Werte, die nicht mit Füßen getreten werden dürfen. Da ist jeder einzelne Bürger gefordert, als Wählerin, als Demokratin gestalte ich die Gesellschaft mit. Alte Kulturen oder gegenwärtige fremde Kulturen zu kennen und zu schätzen bringt aber den notwendigen Weitblick, damit man das Eigene nicht ausschließlich wichtig nimmt. Dass ich in meinem Roman von Indien oder Nepal erzähle, ist diesem Anliegen geschuldet und hat nichts mit Exotik zu tun.

 

 

Du machst es dir nicht einfach mit den dargestellten Gegensätzen: Mutter und Tochter handeln beide aus nachvollziehbaren, aber ganz verschiedenen Gründen, Religion richtet viel Schaden an, ist aber auch für immense Kulturschätze verantwortlich, politisches Engagement ist wichtig und richtig, zerstört aber auch vieles. Hast du einen Weg gefunden, dich in diesem Gewirr zu orientieren?

 

Es bereitet mir Vergnügen nachzudenken und abzuwägen. Man kann alles von verschiedenen Seiten betrachten, für eine Handlung gibt es meist mehr als nur eine Ursache, die Dinge sind immer mehrschichtig, nicht eindimensional. Wenn man so wahrnimmt, wird die Welt echt spannend. Am Ende sind dennoch klare Entscheidungen gefragt, alles zu relativieren führt nirgendwo hin.

 

 

Italien und Österreich haben, was die offizielle Politik angeht, einen unterschiedlichen Umgang mit der faschistischen Vergangenheit: In Österreich ist Wiederbetätigung ein geahndeter Strafbestand, was sich bis auf verbotene Autokennzeichen ausdehnt, in Italien ist der römische Gruß nicht verboten und es gibt Mussolini-Wein. Wie nimmst du diesen Zwiespalt wahr?

 

Der erstarkende Neofaschismus in Italien ist eine traurige oder eigentlich skandalöse Tatsache, gegen die meine Figur Vittorio genauso anschreibt wie gegen die Mafia. Denn Faschismus ist im Kern Gewalt. Zutiefst beunruhigend sind aber auch die rechtsextremen Tendenzen in Österreich, Deutschland und anderswo, trotz unseres schärferen Wiederbetätigungsgesetzes können wir uns da nicht zurücklehnen.

(Aus der Vorschau des Limbus-Verlags)

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