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Den Antichristen an den gedeckten Tisch bitten, ihn achten ihn achten und lieben – oder.

 

 

 

Der Schatten und die Sonne

Ihr fällt zu Apokalypse nichts ein. Es ist Mittag, sie wird abgeholt. Sie hat schon zwei Stunden lang in Zeitschriften gelesen. Sie hat gewartet. Als sie ihm die Tür öffnet, wirft sie das Haar mit einer schnellen Kopfbewegung zurück. Sie treten hinaus, steigen ins Auto, fahren kleine Straßen bergauf. Auf dem Parkplatz angelangt, ziehen sie Gamaschen über, sie greift nach Handschuhen und Schistöcken. Sie gehen den Waldweg steil hinauf, sinken im Schnee ein wenig ein. Plötzlich die Lichtung. Dann ein freiliegender Hang. Gleißendes Sonnenlicht. Blauer Himmel. Sehr blauer Himmel. Die Alm in Sichtweite. Eine halbe Stunde Schneestapfen, es wird heiß. Weiß, der Schnee weiß, da und dort blau, im Schatten ist der Schnee blau und grau. Sie sieht das Spiel von Sonne und Schatten. Sie denkt, was wäre dieses Schneefeld ohne Schatten. Sie gehen, kommen an, ruhen sich aus. Wurst, Brot. Ein warmer Tee. Der Flachmann, der Kuß. Es wird spät. Wir fliehen vor dem Schatten, denkt sie. Kaum ist die Sonne verschwunden, wird es kalt. Ohne Sonne kein Schatten. Wo eine Sonne, da auch Schatten. Sie hat die unvermittelte Einsicht. Daß ihr schon lange fad ist, sehr fad. Mit ihm. Sie steigen bergab, dem Parkplatz zu. Sie werden nicht in die Chronik der Lawinenopfer eingehen, nicht heute. Sie kommen an, steigen ein. Sie wird es ihm sagen, noch heute. Sie fahren.

 

Das Ja im Nein, das Nein im Ja

Ihr fällt zu Apokalypse nichts ein. Sie schlafen miteinander. Sie können nicht nebeneinander liegen, ohne miteinander zu schlafen. Sie läßt sich streicheln. Er flüstert ihr etwas ins Ohr. Sie hört nicht auf das Wort, nur auf das Rieseln im Körper. Sie sagt ja, sie denkt nein, sie denkt ja, sie sagt ja. Nach einer Weile sagt sie ja. Als es schon geschieht, sagt sie endlich ja. Sie hat, ohne es zu wollen, von Anfang an ja gesagt. Wie immer sagt sie ja. Sie kann nicht neben ihm liegen ohne das. Sie gehen aufeinander los. Sie will es. Sie weiß, dass er es will, dass er es verabscheut. Sie verabscheuen es. Sie sagen einander ja, sie denken nein und schließlich denken sie beide ja, sie wissen, dass das Nein eine Lüge ist. Er sollte nicht hier liegen. Wenn die Schwester kommt, liegt er hier. Immer wenn die Schwester kommt, muß, darf er bei ihr liegen. Die große Schwester, ihr Privileg auf ein eigenes Zimmer. Die große Schwester ist das Vorbild, sie ist gut, tüchtig. Sie, sie beide, sind Teufel, sie sind schlecht, wild. Sie gehen aufeinander los, still. Niemand weiß es. Auch sie wissen es später nicht mehr. Später sagen sie, sie haben es nicht getan.

 

Das Erinnern des lange Unmöglichen 

Ihr fällt zu Apokalypse nichts ein. Wenn sie die Zeitung liest, glaubt sie zu träumen. Zuerst denkt sie, es kann nicht wahr sein. Aber dann weiß sie, es steht da. Schwarz auf weiß steht es doch da. Was in der Zeitung steht, stimmt. Es ist also wahr. Es ist wirklich so weit gekommen. Es ist Wirklichkeit. Sie denkt nach. Über die Gründe, über die Fakten denkt sie nach. Sie versteht, nach einer Weile hat sie alles durchschaut. Sie will ihnen Bescheid sagen. Sie will sie daran erinnern. Sie sollen wieder daran denken. Sie ruft ihnen zu. Sie wird laut und lauter. Sie sollen es eingestehen, sie sollen zugeben. Gebt es doch endlich zu, will sie ihnen sagen. Sie sollen die Gelegenheit nutzen. Es ist doch eine sehr gute Gelegenheit. Sie haben diese Regierung, na fein, und also haben sie eine sehr gute Gelegenheit. Das Vergessen aufheben. Die Frist des Vertuschens beenden. Endlich erinnern. Alles, ohne Ausnahme, ohne Beschönigung. Die ganze Breite, die volle Länge. Welch eine Erlösung. Welch ein Erzittern in der erlösenden Erinnerung, im Geständnis. Alles hereinnehmen, das Grauen im Arm halten, es ans Herz drücken, trauern. Sie ruft. Ruft lange.

 

Siegesfeier mit Bruchlandung

Ihr fällt zu Apokalypse nichts ein. Vielmehr ist sie ein Partygirl, das zur sportlichen Feier geladen wird, als Pinup. Als Beiwerk und Unterhaltungsartikel. Eine Art Aufputz, damit der Sport schöner wird. Sie telefoniert vorweg. Sie bedankt sich. Sie fühlt Stolz! Sie mustert dabei die bloßen Füße mit den rot lackierten Fingernägeln. Kein Wunder, bei den Füßen! Ihre Schönheit! Der Mann teilt ihr mit, was sie zu tun hat. Jetzt weiß sie Bescheid. Sie wählt das Kettenhemd! Eigentlich ein Gürtel mit vielen Kettchen, nach oben zur Halskrause zu, nach unten zu den Fesseln. Sie wird nackt sein, fast nackt, nur ein paar Kettchen werden an ihr baumeln! Was soll’s, so was war doch bestellt! Sie wird hochhackig gehen! Durch die Menge! Das Haupt erhoben! Die Hüften schwingend! Die Bühne besteigen! Die Sieger der Reihe nach heranlassen, Küsschen da, Küsschen dort! Lächeln! Ein paar unverschämte Bemerkungen belächeln! Den Jungs einheizen! Fürs Foto doch glatt die Hand auf seine Hose, hinten, vorne! Die roten Fingernägel sichtbar aufgefächert! Sieg! Sein Sieg, ihr Sieg! Ach.  Die verschiedenen Kategorien, ermüdend viele Sieger. Eine schier endlose Reihe, zahlreiche Fotos. Wann endlich. Endlich der Letzte. Sie steigt erhobenen Hauptes von der Bühne herab, Metalltreppchen. Sie rutscht, sie fliegt. Sie liegt. Sie hat Schmerzen, sie knurrt. Sie zieht sich auf die Knie hoch, jemand nimmt sie ans Kettchen.

 

Die späte Wahrheit

Ihr fällt zu Apokalypse nichts ein. Sie hat wahrlich andere Sorgen. Sie wird bald sterben, sie spürt, dass es soweit ist. Sie kann nicht, nicht jetzt. Noch nicht. Sie muß. Zuerst muß sie noch. Unbedingt. Sie muß ihn sehen. Sie muß es ihm sagen. Wie kann sie nur. Er wird nicht kommen. Er wird es nicht tun. Wie sie ihn kennt, wird er eine Entschuldigung finden. Vielleicht erfinden. Freundlich, unverbindlich. Wie könnte sie nur. Er weiß nicht einmal, wie  es um sie steht. Er muß sich nicht einmal schuldig fühlen. Er braucht nicht. Er muß ja nichts. Sie hat ihn weggeschickt. Sie hat ihm nicht getraut, nichts zugetraut. Sie hat so getan, als hätte sie ihn betrogen. Damit er gehen kann. Verschwinden sollte er. Sie wollte nicht mehr. Sie wollte das Kind, nicht den Mann. Er ist gegangen, er ist wirklich verschwunden. Nicht lange. Nicht allzu lange. Nur zwei Jahre. Dann die Besuche. Selten, aber doch. Das Kind hat ihn nicht interessiert. Es war ja nicht sein Kind. Er hat ihr geglaubt. Aber sie. Sie hat ihn noch interessiert. Sie haben. Sie haben nichts mehr. Sie haben nichts mehr genossen. Sie haben nichts mehr gelebt. Sie hat dann und wann ein wenig fantasiert, sich was ausgemalt. Dann hat er noch eine gefunden. Ich bin nicht glücklich, hat er gesagt. Es wäre noch diese eine Möglichkeit gewesen. Ihn zu lieben, ihn endlich zu lieben. Er ist nicht mehr gekommen, dann. Sie hat nicht gewartet, dann. Zwanzig Jahre. Aber wir kann sie nur. Sein Kind. Wie kann sie es ihm sagen. Sie muß. Jetzt muß sie, jetzt will sie. Sie ist weich geworden. So klein.

 

Die Liebe im Messer

Ihr fällt zu Apokalypse nichts ein. Sie ist in sich versunken. Aber sie weiß alles. Sie sieht ihn, auch wenn sie nicht hinschaut. Er nähert sich. Er hat geschrieen, sie hat geschrieen. Jetzt kommt er von hinten. Er wird sie töten, das Messer hat er in der Hand. Sie steht im Zimmer und heult. Ihr Heulen ist lautlos, aber er weiß, dass sie heult. Sie tut, als sei sie versunken, abwesend. Aber sie weint. Er kennt sie. Genau. Gut. Schon lange. Schon seit vielen Jahren. Seit er ein kleiner Junge war. Immer nur sie. Sie die eine, die einzige. Die schöne, blonde Frau. Ganz Frau. Hundertpro Frau. Alle sollten ihn beneiden um die Frau. Superfrau. Alles nur für die Frau. Die ganze Zeit wegen der Frau. Der ganze Schlamassel wegen der Frau. Das Geld, wie das Geld. Wie zum Geld. Für sie. Sie musste doch stolz auf ihn sein. Die musste doch etwas finden, warum sie mit ihm. Also das Geld. Viel Geld. Schnelles Geld. Haufenweise Geld. Gute Geschäfte. Blöder Schlamassel. Bei dem Geschäft, genügt ein Fehler. Sie darf nichts erfahren, er muß sie töten. Sie weiß, er hat es für sie getan. Sie weiß es ja, nur ihretwegen. Dabei wollte sie das viele Geld nicht. Geld hat sie nicht besonders interessiert. Nicht besonders. Natürlich, es war angenehm. Geld ist angenehm. Aber er. Immer diese Geldgier. Wie hätte sie es ihm sagen sollen. Sie wollte ihn. Er war wohl der einzige Mensch. Sie hätte gut auf das Geld verzichtet. Jetzt der Schlamassel. Und seine Lügen. Als wüsste sie nicht längst alles. Hält er sie für blöd? Sie dreht sich zu ihm um. Er schaut ihr in die Augen, er läßt das Messer sausen.

 

Das Gesicht des Sturms

Ihr fällt zu Apokalypse nichts ein. Sie liegt auf dem Bett, sie zittert nicht. Es ist jetzt ruhig draußen. Der Aufruhr ist vorüber. Der Sturm ist schnell gekommen, unvorbereitet hat er sie getroffen. Das kleine Haus zerzaust, geschüttelt, da und dort zerstört. Ein großer Stamm quer über dem Dach. Krachen. Macht, Gewalt. Laute Natur. Etwas von Hölle, das vorüberzieht, die Dinge zeichnet, sie wirbelt und quetscht. Wieder abdreht. Sie hat aus dem Fenster geschaut, es hat gehalten. Ganz ruhig, etwa zwei Stunden. Der Hölle ins Antlitz geschaut. Materie im Dienste des Luftteufels. Ein Antichrist in der Gestalt von Wind. Böse, tückisch. Unvermittelt, plötzlich. Vieles ist kaputt. Der Wald ist im Chaos. Das sieht sie durchs Fenster. Aber sie. So ruhig. Einfach wie angehalten. Wie berührt. Wie von einer fremden Hand berührt, besänftigt. Keine Aufregung, keine Angst. Es könnte der Tod sein. Aber wer bin ich. Was will mein Tod. So hat sie empfunden. Zwei Stunden gebannt von der Gewalt, der Hölle, dem Teufel. Das Wunderbare. Die unerklärbare Kraft, wie von innen nach außen gestülpt, freigelassen. In ihrem Inneren absolute Stille. So hat sich der Sturm ihr gezeigt.

 

Eine banale Einladung 

Ihr fällt zu Apokalypse nichts ein. Karl Kraus hat ähnliches über Hitler gesagt und dann ein ganzes Buch über das Dritte Reich geschrieben.

Sie wird kein Buch schreiben. Sie möchte das Bild begreifen. Sie hört nur Sätze, Wörter, es stellt sich keine Erfahrung dazu ein. Sie kennt die Erfahrung der Furcht. Furcht vor der Katastrophe. Vor irgendeinem Zusammenbruch. Vor dem großen, ihretwegen größten Zusammenbruch. Panik vor Erdbeben. Panik vor Krieg. Panik vor Flutwellen. Panik vor Pest, Seuche. Panik vor dem Ereignis, das sie vernichtet. Irgendein solches Ereignis. Diese Furcht kennt sie. Aber was ist das Bild der Überwindung? Was soll es bedeuten, etwas zu überwinden? Es hinter sich lassen? Es umgehen? Durch es durch gehen? Reinigen?

Sie sieht nur, dass nach einem Erdbeben, einem Krieg, einer Flutwelle aufgeräumt wird.

Was soll überwunden werden? Der Schatten? Das Böse? Das Sündige? Wessen Karma? Welcher Satan? Wieviele Antichristen?

Sie vermutet, überwinden bedeutet so viel wie abtrennen, aufspalten.

Und wo ist die Vollendung? Hinter der Grenze? Welche Grenze? Zu einem reinen Land? Ein Land? Ein Reich? Ein erlöster Zustand? Ein sauberes Feld? Ein gereinigtes Gefilde? Ein göttlicher Garten? Was ist die Vollendung? Das Jenseits? Augen zu und durch? Das Sterben überleben? Aufwachen und dasein, sich wundern?

Dazu gibt es keine Erfahrung. Es gibt nicht die Erfahrung von zuerst das, dann jenes. Es gibt keinen Teufel, auf den Gott folgt. Es gibt keine Gewalt, auf die selige Ruhe folgt. Die Ruhe ist in der Gewalt. Die Wahrheit ist auch in der Lüge. Die Liebe ist genauso im Haß, in der Abhängigkeit. Dummheit ist nicht auszurotten. Nichts ist unmöglich. Das Gewissen begleitet jeden Genuß. Das Licht ist die Voraussetzung für Schatten. Der Schatten hat im Licht seinen Grund.

Sie möchte den Bösen einladen, ihm auftischen. Ihm geradewegs ins Gesicht schauen, ihm offen begegnen. Ihn ertragen. Sich anfreunden. Sichs mit ihm bequem machen. Ihn allmählich unschädlich machen durch Freundschaft. Sie möchte sich durch ihn, Hand in Hand mit ihm als vollendet bezeichnen.